Ein Landei kullert durch die Welt

5 min read

Frankreich und ich, das ist keine lange Liebesgeschichte. Es ist einfach eine lange Geschichte. Hätte ich 1983 gewusst, was ich heute weiß, hätte ich wahrscheinlich eher England für mein Au pair-Jahr gewählt. Die Engländer habe ich als schräg und selbstironisch wahrgenommen und es gibt keine Eigenschaft, die den Franzosen mehr abgeht als Selbstironie. Das ist schade, denn es ist eine tolle Eigenschaft.

Photo by Constant Loubier / Unsplash

Ich bin ein Kind der sachlichen Bonner Republik, der durchgeknallten und wunderbaren  70er-Jahre und endloser Diskussionen, bei denen Selbstkritik, bis das Blut spritzte, eine Tugend war. Als ich mit 19 in Paris aufschlug, war ich mit meinem deutschen ICH noch nicht fertig. Es mit einer Kultur zu konfrontieren, die so anders ist als unsere, war nicht ganz ungefährlich. Aber das wusste ich damals alles nicht, ich dachte unser Nachbarland würde halbwegs ähnlich sein mit einer anderen Sprache. Völlig falsch, setzen 6.

Ich habe nie vorher und nie nachher ein Land kennengelernt, dass so unreflektiert und so selbstverständlich gleichzeitig sozialistisch und royalistisch ist. Schein und sein, être und paraître, waren etwas, das wir in meinem sozialen Radius in Deutschland radikal zugunsten des Seins erforscht haben. Wer oder was sind wir wirklich, wo ist die Wahrheit? Himmel, was haben wir gegraben. Und dann landete ich in einem Land, dem das wichtigste zu sein schien TO LOOK GOOD und ich bin nicht mehr mitgekommen. Elegante und intellektuelle Konversationen werden natürlich auch geführt, aber auch diese dienen mehr dem To look good als dem To find out.

Sozialistisch ist in Frankreich alles mögliche. Die 35-Stunden-Woche, die den Handwerkern erlaubt, erhebliche Mengen an Schwarzarbeit zu machen. Es sind die mächtigen Gewerkschaften, die Streiks und ein Gesundheitssystem, in dem ich mich immer sicher gefühlt habe, bevor die Coronakrise ausbrach. Medikamente sind hier viel billiger als in Deutschland, viele Jahre habe ich die Pille für Freundinnen exportiert und alles Relevante hier gekauft. Wir reden über eine Erparnis von 2/3 gegenüber Deutschland. Und bevor ich die Hütte in MonVillage gekauft habe, mussten die Vorbesitzerinnen zum Schutz der Käuferin einen Baustoffgutachter hier durchjagen.

Photo by Lucie Morel / Unsplash

Royalistisch ist das Sozialleben. Es gilt offensichtlich immer noch zu herauszufinden, wer den besten Platz in der Nähe des Königs hat, obwohl es schon ewig keinen König mehr gibt. Das Sozialleben in den mittleren und höheren Schichten hat nichts damit zu tun, dass Menschen sich treffen, die einfach eine gute Zeit miteinander haben oder einander kennenlernen wollen. Es ist eine Art Kampfsport, der die aktuelle Hackordnung definiert. Titel sind dabei hilfreich, dann hat man beim Hacken von vorneherein einen besseren Platz. Ein Titel, der mich auch nach fast 40 Jahre noch zum Grölen bringt ist der des Geschäftsführers. In Deutschland heißt er oder sie Geschaftsführer oder Vorstandsvorsitzender. In Englisch heißt er/sie CEO (Chief Executive Officer) und in Frankreich PDG: Président Directeur Général. Ich hab mich totgelacht, als ich das zum ersten Mal gehört habe, der nüchternen Bonner Republik sei Dank, die solche Titel nicht kannte. Warum nicht gleich PGDR und noch ein kleines ROYAL drangehängt. Président Directeur Général Royal. There is always place for improvement, würde meine Tante in Canada sagen. Ein Kollege an einer meiner ehemaligen Schulen hat mich mal gefragt, ob es stimmt, dass man den Franzosen fast alles verkaufen kann, wenn man ihnen nur glaubhaft genug versichert, dass es ihren Sozialstatus hebt. Für die Städter kann ich das ohne zu zögern bejahen.

Photo by Stephanie LeBlanc / Unsplash

Als besonders durchgedreht empfinde ich die Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft und im Universum an einer Stelle, die ich bis 1986 für völlig unschuldig gehalten hatte: das Ende eines Briefes.  Mit freundlichen Grüßen für Geschäfts- und Behördenschreiben, viele oder herzliche Grüße an Verwandte, alles Liebe für Freunde und Freundinnen und Dinge, die niemanden etwas angehen für Liebesbriefe. Das ist doch gar nicht so schwer. Es sei denn, man ist in Frankreich. Ich glaube nicht, dass Heike und ich schon als AuPair-Mädchen mit der formule de politesse, der Höflichkeitsformel am Ende eines Briefes, zu tun hatten. AuPair-Mädchen korrespondieren in der Regel mehr mit ihrem Heimatland.

Aber zwei Jahre später, nach dem Grundstudium wollten wir uns in Paris an der Uni einschreiben und mussten lernen, wie man formelle Briefe schreibt. In solchen Fällen war Jean Michel immer ein sehr guter Ratgeber. Und er informierte uns, dass diese Abschlussformeln super importantes seien. Sie seien dazu da um die Beziehung zwischen den beiden Parteien zu definieren. Heike und ich tauschten verständnislose Blicke. Wir sollten unsere Beziehung zu der Verwaltungseinheit einer Hochschule definieren? Ob mit oder ohne Verständnis, wir mussten es einfach aktzeptieren. Und hier kommt endlich ein Beispiel:

Je vous prie d’agréer, Madame, Monsieur, l'expression de ma considération distinguée.

Ich bitte Sie, Madame, Monsieur, den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung entgegenzunehmen.

Diese Formel ist einer der Klassiker und Heike und ich kringelten uns vor Lachen. Warum nicht gleich soumission nationale générale (generelle nationale Unterwerfung) für alle Deutschen? Danke an Jean Michel und seine Familie für ihre Geduld mit uns. Heike und mich hätte man an keinem Adelshof freisetzen dürfen, wir hätten ununterbrochen diplomatische Zwischenfälle ausgelöst.

Notre Dame gargoyle sunrise.
Photo by Pedro Lastra / Unsplash

Also: als Adelige schreibt man huldvoll, als Staatsbeamter machtvoll und als deutsches Würstchen respektvoll. Und das Ganze hat einen Million Nuancen, denn nur respektlose kleine Proletarier wie wir schreiben ihre formules de politesse aus dem Buch ab, das ich mir dann gekauft habe. Eine echte Lady hat ihre eigenen formules. Dafür hat mein Ehrgeiz nicht gereicht.

Die erste Webseite, die ich für den heutigen Blogpost aufgeschlagen habe, bietet 51 Formeln an. Folgende Lebenslagen werden abgedeckt:

  • Formules de politesse formelles pour un supérieur hiérarchique ou un client (hierarchisch höher stehend oder Kunde)
  • Formules de politesse formelles pour une lettre de motivation (Bewerbungsschreiben)    
  • Formules de politesse classiques pour la fin d’un email (Email)    
  • Formules de politesse pour les nobles (Adelige)    
  • Formules de politesse amicales (Freunde)

    https://www.lalanguefrancaise.com/general/formule-de-politesse-email-lettre-de-motivation/

In der Einleitung der Webseite steht, dass die Formel in gar keinem Fall zu kurz sein darf, weil das einen Mangel an Respekt ausrückt.

Ich habe ein seit 25 Jahren andauerndes Gespräch mit Heinz über die Frage, wann es sinnvoll ist viel Zeit in Feinheiten zu investieren. Für vier Lebenslagen bin ich an Bord:

  • Wenn ein real existierendes Problem gelöst werden muss,
  • wenn es darum geht, genau das zu sagen, was man meint
  • wenn es darum geht ein besonders hochwertiges Produkt herzustellen. Man sagte mir, die Japaner seien darin Weltmeister.
  • und wenn das Essen dann besser schmeckt.

Alles Liebe eure Hilde

Hildegard Wichmann

Hildegard Wichmann

Read more posts by this author.

Bonn