Ein Landei kullert durch die Welt

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Auf Netflix macht eine Serie Fourore, in der eine junge Amerikanerin in Paris aufschlägt. Die Serie heißt Emily in Paris. Die Heldin spricht kein Wort Französisch, verhält sich nach allen europäischen Maßstäben äußerst unhöflich und trifft nur Menschen, die weiß sind, gutaussehend und englisch sprechen. Der einzige Schwarze ist schwul, yeah, zwei Minderheiten gleichzeitig bedient. Geht es noch billiger?

Auf YouTube kann man sich jede Menge Videos ansehen aus der Abteilung Emily in Paris Sucks. Dort wird nachdrücklich darauf hingewiesen, wie klischee- und stereotypbehaftet die Serie ist. Ich habe sie noch nie gesehen, aber die Ausschnitte aus den Videos der anderen reichen mir.

Ich finde es ziemlich lustig, wie es ausgeht, wenn zwei Nationen aufeinander treffen, die sich instinktiv allen anderen auf der Welt überlegen fühlen. Einschränkung: Der ländliche Teil meines Lebens in Frankreich ist damit nicht gemeint. Aber in Paris ist es schon speziell.

Meine erstes Parisjahr war 1983/84 als Au Pair. Das ist eine ganz wunderbare Erfindung, die es jungen Menschen erlaubt, mit wenig monetärem Aufwand im Ausland zu leben. Ich hatte zwei Jahre Französisch in der Schule gehabt und mit einer schlechten 4 dann aufgehört. Mein Französisch war also ziemlich schlecht. Und ich habe geschwitzt. Die Idee, man würde eine Fremdsprache ganz von alleine lernen, wenn man im Ausland lebt, ist Quatsch. Man lernt die Sprache, wenn man sich der Herausforderung stellt und weil man muss. Und es ist anstrengend und häufig peinlich.

Emily bewohnt ein etwa 30m² großes Gebinde im fünften Arrondissement, einem der schönsten Viertel in Paris. Das würde zwischen 1500 und 2000 Euro Miete kosten. Verkauft wird es in der Serie als chambre de bonne (Dienstmädchenzimmer). Die gibt es tatsächlich, sie sehen aber nicht so aus. Sie sehen eher so aus:

Das ist ein sehr hübsches Exemplar. Meine waren nüchterner.

Es sieht nicht nur so aus, als wäre der Raum schnell zu Ende. Was Emily hat, ist ein studio. AuPairs wohnen häufig im chambre de bonne. Mein erstes hatte acht Quadratmeter und zwei Dachschrägen. Es war sehr übersichtlich und im sechsten Stock. Die Toilette war auf dem Flur, gehörte mir aber allein.

Mein zweites Jahr in Paris war 1986/87 und ich habe wieder in einem chambre de bonne gewohnt. Diese Mal hatte es zehn Quadratmeter, eine Küchenzeile und eine Dusche am Fuß des Bettes, grand luxe. Toilette wieder auf dem Flur, diesmal nicht meine eigene. Meine Chefin erwähnte stolz, dass es seit 1976 auch eine Heizung gebe. Wie die Mädels das vorher gemacht haben, möchte ich mir nicht vorstellen. Und dieses Mal war es der siebte Stock. In dieser Zeit war ich ohne Mühe sehr schlank.

Emily darf über die Haupttreppe in ihre Wohnung, das durfte ich im ersten Jahr auch. Ab dem vierten Stock sind die Treppen dann sehr schlicht und haben keinen Teppich mehr. Im zweiten Jahr habe ich dann noch mehr über das Dienen verstanden. Das Viertel, Rue de la Trémoille war viel nobler und es gab eine Dienstbotentreppe. Sie sind eng und steil, auf der entsprechenden Etage kann man die Wohnung der Herrschaft dann betreten. Das beste an Dienstboten ist, wenn sie unsichtbar sind.

Die heutige Geschichte spielt im zweiten Jahr. Meine Eltern hatten meine monatliche Apanage auf 550,00 DM heraufgesetzt und ich bekam sie per Postanweisung ins Postbüro auf der Straßenecke nebenan. Das hatte 10 Monate gut geklappt. Am Ende des Monats musste ich mich immer entscheiden, ob ich lieber esse oder lieber rauche. Ich habe geraucht. Auch weil Jean Michel mir bei einem Gewicht von 54kg auf 1,64m immer suggerierte, ich sei zu dick.

Ich bin also in mein Postbüro getrabt, um das sehnsüchtig erwartete Geld entgegenzunehmen. Die Tante auf der anderen Seite der Theke hatte schlechte Laune und verlangte meinen Reisepass. Der lag zu diesem Zeitpunkt im Nachttisch meiner Mutter in Oldenburg/Niedersachsen. Ich war völlig verdattert, weil ich immer mit dem Personalausweis dort gewesen war und ohne Gehampel mein Geld bekommen hatte.

Auch diese Erläuterung half nicht weiter, sie blieb hart. Ich war nie auf meine "Heimatstadt" Meckenheim und meine Herkunftsfamilie stolz. Aber manchmal hilft es, wenn man

  • Pfadfinderin war (Finde eine Lösung.)
  • zu den letzten Hippies gehört hat (Be free)
  • aus einer SPD-Wähler-Familie stammt (Mehr Demokratie wagen.)
  • im kalten Krieg in einer Bundeswehrfamilie groß geworden ist (F**** all those who try to dominate other peoples lifes)

Das alles führte dazu, dass ich so unwegbar da stand, wie sie gewillt war, mir meine Knete zu verweigern. Und ich hatte Hunger.

  • Zeigen Sie mir, wo das geschrieben steht. Montrez-moi où c'est écrit. Das Bitte lasse ich heut mal weck.

Sie ist verdutzt, zögert und stampft dann schlecht gelaunt in ein kleines Büro. Sie kommt mit einem Ordner zurück, knallt ihn auf die Theke, blättert, schlägt auf und dreht ihn zu mir um. Und da steht es:

Reisepass wird verlangt für:

  • den Mars und andere Planeten
  • Bukina Faso
  • den Nordpol
  • und alle Unterwasserstaaten inklusive Atlantis

Ich unterdrücke mein fettes Grinsen und frage mit meinem unschuldigsten Augenaufschlag

  • Wo ist Deutschland?

Sie spricht kein Wort mehr mit mir und knallt mein Geld auf die Theke. Ich unterschreibe lächelnd und werde mir gleich im Monoprix auf den Champs Elysée einen hinreißenden Käse kaufen.

PS: Die Franzosen sind empört über Emily in Paris. Zu Recht. Aber ein bisschen Relexion über die Frage, wie man sie im Ausland wahrnimmt, kann nicht schaden. Ich habe noch ein anderes Relikt aus den 80er Jahre gefunden:

Alle, die mir Care-Pakete nach Paris geschickt haben, haben extradeutlich geschrieben, damit sie auch ankommen. Und die Franzosen haben aus meinem Namen viele Scheußlichkeiten gemacht. Aber Trildepind Lichmann ist die Krönung. Es heißt einfach: Ist mir doch scheißegal. Absender: Irgendein Vollpfosten aus Deutschland.

Hildegard Wichmann

Hildegard Wichmann

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