Abenteuer im Limousin

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Heiner geht Fahrrad fahren. Ich prokel irgendetwas im Haus herum und sehe ihn zurückkommen: zu Fuß und blutüberströmt.
Er hat das Vorderrad überbremst und eine unsanfte Begegnung mit dem limousiner Asphalt hingelegt. Wir bleiben beide halbwegs gelassen, aber die Tiefe der Wunde über der Augenbraue lässt uns keine Wahl: drei Millimeter, das muss genäht werden, wir werden den Samstagabend im Krankenhaus in St Martin verbringen. Jean-Paul bringt sich in Position und beobachtet sehr genau, wonach es aussieht und was wir tun. Schließlich muss er es später den anderen sagen.
Meine Erfahrungen mit französischen Ärzten und Ärztinnen sind gut bis sehr gut, wir fahren also vertrauensvoll los. Der Empfang im Krankenhaus ist freundlich und professionell, Heiner hält sich tapfer und sehr lange warten müssen wir auch nicht. Wir haben wenig Konkurrenz an diesem bezaubernden Sommerabend. Heiner bekommt einige Spritzen zur Betäubung, die ihm offensichtlich sehr weh tun, aber er hält sich weiter tapfer. Der Arzt arbeitet ruhig und sehr langsam, weil er an diesem Patienten ausbildet und einer jungen Nachwuchsärztin jeden Schritt erklärt. Ein Wort, das so häufig wiederkommt, dass es Heiner auffällt ist esthétique. Ich darf aus übersetzungstechnischen Gründen das Gestichel an meinem Freund live miterleben. Und da der Arzt jeden Schritt erklärt, habe ich auch etwas zu übersetzen. Warum er zwei übereinanderliegende Nähte macht, warum er die Augenbraue nicht rasiert und vieles mehr. Die Antwort lautet immer: pour des raisons estétiques. Sie werden ihm also nicht das Gesicht ruinieren. Gegen Ende der Näherei lässt die Betäubung nach, aber Heiner fordert den Arzt auf weiterzunähen, die Spritzen waren schlimmer.
Die Haut auf der rechten Schulter ist auch weggeschrubbt und nachdem alles begutachtet worden ist verlassen wir das Krankenhaus mit einer 50cm langen Einkaufsliste für die Apotheke und einer Notversorgung für den Sonntag. Bezahlen müssen wir nichts, man würde ihm eine Rechnung schicken.
In französischen Apotheken halte ich mich sehr gerne auf. Einmal weil es dort in großen Mengen sehr schöne Kosmetik gibt. Französische Apothekenkosmetik ist weltberühmt. Aber der eigentliche Grund ist, dass man dort mit einer Mischung aus medizinischem Fachwissen und überlieferter Erfahrung hervorragend beraten wird. Es geht viel mehr um den Patienten und sein Wohlbefinden als ums verkaufen. Peter Mayle hat in seinen Geschichte erzählt, dass man im Luberon im Herbst in der Apotheke auch Pilze bestimmen lassen kann. Bei Apothekerinnen hatte ich immer das Gefühl , dass sie die legitimen Nachfolgerinnen der weisen Frauen sind.
Heute haben wir mit einem Mann zu tun. Er lässt sich die Sachlage schildern und als er anfängt, die Sachen von unserer Liste zusammen zu suchen und uns über ihre Anwendung zu beraten, stellt sich heraus, dass auch er ein Nachfahre der weisen Frauen ist. Mit vielen hachs und huchs macht er sich um Heiner herum zu schaffen, tiefe Blicke in dessen blaue Augen eingeschlossen. Heiners Gesicht sieht schlimm aus, das Auge unterhalb der Verletzung ist blau-rot zugeschwollen. Der Apotheker bedenkt das geschundene Gesicht mit einem zärtlich-mitleidigem Blick und wendet sich vorwurfsvoll mir zu:
Mais Madame, il ne fallait pas frapper si fort.
Aber Madame, Sie hätten nicht so hart zuschlagen dürfen.
Ich kontere, dass wir eben Deutsche seien und das bei einem original teutonischen Liebesspiel nun mal dazugehöre. OK, wir müssen aufhören herumzualbern, Heiner hat beim Lachen große Schmerzen.
Mit zwei riesigen Tüten verlassen wir die Apotheke und haben von da an ein neues Hobby: Die Wunden zu versorgen. Aber wir haben es alle gut gemacht: Die Narbe ist völlig unsichtbar in Heiners Augenbraue verschwunden. Ich hatte ja ein kleines Tattoo über der Augenbraue vorgeschlagen: Souvenir aus dem Limousin. Aber außer mir fand niemand diese Idee gut.

Hildegard Wichmann

Hildegard Wichmann

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Bonn