Hildegard Wichmann

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Bonn
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verbeuge ich mich vor der alten Dame, die am Montag so schrecklich gelitten hat: Notre Dame de Paris. Die von euch, die mich gut kennen, wissen, dass ich nicht christlich gläubig bin. Das spielt aber jetzt keine Rolle, auch Nichtchristen können Schönheit sehen und Erhabenheit spüren. Notre Dame ist für mich der Inbegriff von beidem. Und für mich ist sie viel mehr das Symbol von Paris als das junge Frollein Eiffelturm.

Als ich 1983 als Meckenheimer Landei in Paris aufschlug, hatte man uns geraten, von der Gare du Nord ein Taxi zu nehmen, um in unser Au-Pair-Mädchen-Heim in der Rue de Gergovie im 14. Arrondissement zu gelangen. Ich habe diesen Rat befolgt, irgendwann die Augen erhoben, in diesem Moment fuhr das Taxi gerade vor der Fassade der Kathedrale vorbei. Da habe ich mit dem ganzen Körper verstanden, dass ich tatsächlich in Paris war.

30 Generationen hat sie dort gestanden, zwei Weltkriege überlebt. Ich bin, wie der Rest der Welt, davon ausgegangen, dass sie noch lange nach meinem Tod dort stehen würde, einfach weil sie mit einer derartig unaussprechlichen Autorität von ICH BIN HIER DIE KATHEDRALE dort stand, nicht, als wäre sie unter unendlichen Anstrengungen dort gebaut worden, sondern, als wäre sie dort von selbst gewachsen. Ich merke, wenn ich auf etwas treffe, was unendlich viel größer, stärker und machtvoller ist als ein Mensch, als mein kleines Leben. Und ich mag es.

Sie ist zweihundert Jahre lang emporgewachsen, auf den Ruinen einer Kultstätte des alten Lutetia, auf der die Christen später eine Kirche gebaut haben. Bischof Sully sich seine Kirche ein bisschen größer wünschte. Hat geklappt. Gesehen hat es nicht mehr. Notre Dame hat das mittelalterliche Paris gekannt, einen entsetzlichen Ameisenhaufen  voller Krankheit und Tod, bevor Baron Haussmann die Stadt zu dem machte, was sie heute ist: eine Stadt voller Schönheit und einem unbeschreiblichen Licht, in der es mir sogar gut geht, wenn es mir schlecht geht. Und nicht nur mir. Im Argot (Straßensprache)  heißt Paris Paname. Das Land der Träume. Paris kann einen durchaus enttäuschen, wenn man dort lebt. Paname, der Traum, den diese Stadt verkörpert, niemals.

Sie ist die Heldin eines der schönsten Romane der französischen Literaturgeschichte Notre Dame de Paris (Der Glöckner von Notre Dame) von Victor Hugo. Ich habe im Radio gehört, Hugo habe die Kathedrale gerettet. Sie sei in einem so schlechten Zustand gewesen, dass man sie fast abgerissen hätte. Sie wurde dann von dem Architekten Viollet-le-Duc „überarbeitet“. Er hat dafür nicht nur Lob und Anerkennung bekommen. Der kleine Turm, la flêche, dessen Einsturz das Titelfoto vieler französischer Zeitungen am Dienstag war, war sein Werk. La flêche wurde als zu dominant und unästhetisch bewertet, genau wie der Eiffelturm nach der Weltausstellung.

Irgendwo wird irgendwer jetzt sagen: Das Leben geht weiter. Ja, tut es. Aber anders. Saint Louis war hier gerne, alle erdenklichen Louis-Könige haben die Messen gesungen. Napoleon hat erst im Größenwahn den Papst nach Paris zitiert, der auch relativ unwillig angereist kam. Dann hat er ihm mit einem kurzen Ruck die Krone aus der Hand genommen und sich und Joséphine einfach mal selbst gekrönt. Ich hätte das Gesicht des Papstes gerne gesehen. De Gaulle hat hier am Tag nach der Befreiung von Paris am 26. August 1944 ein Te Deum zelebrieren lassen.

Heute, am Ostersonntag, wissen wir alle, dass sie ihr Gesicht behalten hat, dass die beiden Türme, sehr wichtige Fenster und unzählige Kunstschätze von den  Feuerwehrleuten gerettet wurden, obwohl es am Montag nicht danach aussah. Ich habe so gerne Unrecht in diesem Fall. Die große Glocke, auf Französisch, le bourdon, die Hummel, ist oben geblieben. Wäre sie abgestürzt, hätte sie vermutlich ein Loch in die Ile de la Cité geschlagen.

Uns wurde erklärt, warum die Feuerwehr kein Wasser von oben mit Hubschraubern und Canadair wollte. Das Gewicht des Wassers hätte das Gewölbe, das bis jetzt zu halten scheint, unter Umständen umgehauen. Und das sprühende Wasser hätte Funken in die umgebenden Wohngegenden tragen können.

Warum ist das jetzt eigentlich passiert? Ich bin mit Heinz selten einer Meinung, dieses Mal schon: Ich glaube an ein Attentat. Als das Feuer ausbrach, war schon seit Stunden keiner der Handwerker, die an der Renovierung beteiligt sind, mehr vor Ort. Die Schuldzuweisung an die Arbeiter kam aber  gefühlt zwei Sekunden nach dem Ausbruch des Feuers. Ich habe erfahren, dass Saint Sulpice, die schöne Kirche im sechsten Arrondissement im letzten Monat schon gebrannt hat. Davon war im deutschen Fernsehen nichts zu erfahren.

Notre Dame wird wieder aufgebaut werden. Der Zähler der Spenden stand bei der letzten Meldung bei 850 Millionen Euro. Der erste Luxuskonzern hat schon sehr früh 100 Millionen Euro versprochen. Ein paar Stunden später konterte der zweite mit 200 Millionen. Frankreich erinnert sich den ganzen Tag schon an Kathedralen und Schlösser, die gebrannt haben und wieder aufgebaut wurden. Nantes, Strasbourg, Lunéville. Das Leben geht weiter. Aber anders.

Macron hätte den Aufbau gerne in fünf Jahren erledigt, aber im Moment denke ich, dass es zwischen zwanzig und dreißig Jahren dauern wird. Und  ich nicht sicher, dass ich das noch erlebe.